Am Freitag hatte ich meine letzte Vorlesung. Die Tage davor waren sehr anstrengend, ich hatte noch einige assignments zu erledigen, darunter auch mein längstes paper dieses Semesters. Dass ich an dessen rechtzeitigen Fertigstellung Dienstag, Mittwoch und Donnerstag beinahe rund um die Uhr gearbeitet hab, ist auf meinem eigenen Mist gewachsen, kann mich also nicht beklagen. Bei allem Zeitmanagement, das ich über die letzten Monate wirklich recht erfolgreich durchgezogen hab, bin ich jetzt am Schluss doch noch zu einer last minute Abgeberin geworden. Nicht empfehlenswert, aber für die paar Tage der letzten Woche tragbar.
Und am Freitag ging dann alles ganz schnell: Noch ein Mal früh aufstehen, den Aufsatz Korrekturlesen und abgeben, mich für meine letzte discussion section (mein geliebtes Freitagsseminar zur Cell Proliferation & Senescence Vorlesung) vorbereiten, zu eben diesem Seminar hingehen und dann: The semester is over! Finito! Basta! Tutto completo! Und: SLOPE DAY!
Slope day, dieser höchste Feiertag des Cornell-Jahres, findet immer am letzten Freitag der Vorlesungszeit statt und ist ein einziges großes Paradoxon: In mitten der hektischen und mühsamen Zeit zu Ende des Jahres, inmitten aller Regeln und Kontrollen des braven Undergrad-Alltags findet hier ein Riesenfest statt, das sich nur um eine Sache dreht: Alkohol. Was sich äußerlich wie ein eintägiges Musikfestival zeigt - Rockbands auf einer großen Bühne, Massen von Studenten auf einem eingezäunten Gelände auf der Wiese (ja, auf meiner slope, auf meinem Hang zwischen West und Central Campus!) - entpuppt sich schnell als eine einzige große Huldigung des glasklaren Spiritus Sancti. Wer nicht am Vormittag noch Vorlesung hat oder die letzte Vorlesung spritzt, der fängt spätestens um 10h morgens zum Trinken an, und die unter 21-Jährigen zeigen sich an diesem einen Tag als besonders motivierte Frühaufsteher. Offiziellen Alkoholverkauf am Gelände gibt es zwar nur für alte Hasen wie mich (21+) und auch nur in Form von Bier und mit rigoroser Ausweiskontrolle, doch das tut dem Massenbesäufnis aller Altersstufen keinen Abbruch.
Schon Tage zuvor kündigte sich das seltsame Ereignis an: Einerseits mit der Errichtung von Zäunen auf der Piste und andererseits mit den Versenden von Flyern mit Informationen zu verantwortungsbewusstem Umgang mit Alkohol am slope day. Der schöne Titel des Flyers: "10 Top Ways to Ensure You Don't Miss the Music!" Mein Favorit: Tipp No.5 "Pace and limit the number of your drinks to achieve optimal BAC (Blood Alcohol Concentration)".
Ja! Da ist es wieder, das Land des Optimierens und Maximierens! Ich weiß nicht ob man Exchangestudenten besonders misstraut, oder ob es allen so gegangen ist, ich habe jedenfalls den gleichen Flyer an drei aufeinanderfolgenden Tagen in meinem Postkasten gefunden.
Die Universität, die das ganze Geld für den slope day zur Verfügung stellt (Eintritt frei!, 1 Bier 1 Dollar), ist sich wohl bewusst, dass die amerikanischen Studenten in der Regel nicht mit Alkhohol umgehen können, deswegen stellt man ein Heer von Voluntären und Sanitätern zur Verfügung, die Wasser austeilen, jedem, der ein Bier kauft, einen Bagel dazu in die Hand drücken und umgefallene Studenten aufklauben. Im Wesentlichen ist slope day eine gigantische Wir-drücken-mal-ganz-fest-beide-Augen-zu-Aktion der Uni.
Verglichen mit anderen lustigen Abenden[1] war mein eigener Alkoholkonsum am Freitag sehr gemäßigt. Ich hab mich mehr aufs Beobachten beschränkt: eine interessante Erfahrung. Sagen wir's mal so: Die Frage, ob eine höhere Altersgrenze für Alkoholkonsum (21 statt 16 bzw. 18) dazu beiträgt, dass Jungtrinker besser mit Alkohol umgehen können, hat sich mal wieder selbst beantwortet. Komatrinken bleibt Komatrinken, ob in einer Mistelbacher Dorfdisko mit 14 Jahren oder auf der Cornell slope mit 19. Kein schöner Anblick...
Die Musik war furchtbar: Wer Lust auf einfallslosen amerikanischen Hiphoprock mit peinlichen Texten (zB über SMS-Schreiben) hat, gesungen von pseudojugendlichen arroganten Sexisten ("We're happy to be here and f*** some nice girls here in Vaginas[2]"), dem sei die Band Gym Class Heroes empfohlen.
Und trotzdem: Irgendwie war's schon lustig. Und um 5 Uhr am Nachmittag war der Spuk auch schon wieder vorbei, zu einer Zeit wo die Hälfte der 10 a.m. drunkards eh schon im Gras schlummerte. Fotos folgen in Kürze.
[1] ein bisschen Erasmus-Flair hat mein exchange term hier in Amerika ja schon.
[2] Offenbar eine Anspielung auf eine der kursierenden Varianten des grünen "Ithaca is Gorges" T-shirts, das, warum auch immer, den Text "Ithaca is Vaginas" zeigt.
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