Wir gratulieren.
Donnerstag, 10. April 2008
Lernen im Gras
Als ich im Jänner hierher gekommen bin, hab ich immer wieder von einer Prophezeiung gehört: Sobald es einmal ein bisschen wärmer wird, rennt die halbe Campuspopulation mit Flipflops, Shorts und kurzen Kleidern herum. Es ward April, es ward wirklich etwas wärmer, und tatsächlich zeigt man hier gern Bein und Zehen. Dabei scheint man sich für die Kleidung aber weniger an der Temperatur zu orientieren als an der Sonne. Denn heute hatten wir wieder einen schönen sonnigen Tag, dazu aber nur ein paar Plusgrade und einen ziemlich frischen Wind. Macht nichts: Flipflops (oder Havaianas, deren Markenbezeichnung hier und offenbar auch in der restlichen Welt hier Synonym für die von mir gemiedenen Zehenkrümmerpatschen ist), Shorts, Kleider. Und auch ich lass mich nicht abhalten und hab heute innerhalb von drei Tagen meine zweite Freiluft-Lernsession in Hanglage abgehalten.
Kinsha füllt sein Laborjournal mit den Ereignissen der letzten Wochen.
Es wird natürlich nicht nur gelernt, sondern auch ein bisschen fotografiert und geplaudert.
Andere denken sich überhaupt gleich nach Florida, in diesem Fall Merediths Heimat, und machen ein Nickerchen auf der Strandmatte.
Mein Lern-Stilleben. Das geschulte Auge erkennt hier auf Anhieb das anspruchsvolle Arrangement dieser Fotografie: Die junge Künstlerin zeigt durch den grünen Hintergrund und die ausgezogenen Halbschuhe dass es sich um Frühling handelt. Das Grün steht im diametralen Kontrast zur orangen Studienmappe, die hier beinahe wie ein Ampelsignal davor warnt, das schöne Leben in der Wiese zu leicht zu nehmen. Dazu der subversive und verwirrende Pinkton des Leuchtstifts, der in seiner Farbe den Elan und die Spaßsüchtigkeit der heutigen Jugend repräsentiert, aber gleichzeitig als Büroutensil und Massenprodukt die Unfähigkeit dieser Generation darstellt, gegen vorhandene gesellschaftliche Strukturen und den kapitalistischen Weltentwurf zu rebellieren. Links unten dann das Handtuch, dass als Insel in der Wiese die Einsamkeit des Individuums andeutet und doch in dem gegenüberliegenden Eck links oben in der Form von Papier und Stift einen schwachen Gegenpol findet, der das Gefühl vermittelt, dass auch andere Individuen in der Wiese ein ähnliches Schicksal erleiden. Und ganz zentral: Die halbbearbeitete Publikation und das immunohistochemische Bild von horizontalen Schnitten eines Telencephalons von homozygoten Wildtyp- und Knockout foxg1 Mäusen im zwölfeinhalbten Tag des Embryonalstadiums. Die Prägnanz dieses Bildelements war es wohl, die der Fotografin die soeben bekannt gewordene Nominierung für den Guggenheim-Nachwuchspreis für Fotografie eingebracht hat.
Wir gratulieren.
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2 Kommentare:
Sobald du in wien bist würde ich mich als Programm-Schreiber für die Konzerte im Konzerthaus bewerben. Stil, Verständlichkeit und relevanz des letzten blogeintrags sind mit dem niveau des oben genannten mediums exakt übereinstimmend.
Werteste, ich bin freilich verzückt ob Ihrer elaborierten Photographien. Arrangement und handwerkliches Vermögen können durchaus überzeugen - und doch und wie bereits in kleiner Runde zu später Stunde unlängst im Griensteidl wild diskutiert: Als Vertreter der Klosterneuburger Schule möchte ich in Zukunft bestimmt, aber dabei freundlich und undogmatisch einfordern, daß ab sofort doch auch Er in Ihren Bildern erscheinen möge; der jedes Bild belebende und mit Transzendenz ausstattende Schleifer-Ast am periphären Bildesrand. :-)
Stefan de KLBG
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