Mittwoch, 2. April 2008

Mario, ein älterer Forscher aus dem denken Behälter

Wenn ich am frühen Abend in die dining hall gehe und erst nach zwei Stunden oder länger wieder herauskomme, dann kann man im Allgemeinen davon ausgehen, dass ich mit Mario an einem Tisch war. Er wohnt auch hier im Becker House und, weil er nach einem Bachelor und zwei Masterstudien noch nicht genug hat, hat er letztes Jahr mit einem PhD-Studium in International Trade Relations angefangen und wird auch die nächsten drei Jahre seines Lebens an der CU verbringen. Im Vergleich zu den meisten anderen Studenten hier ist Mario zehn Jahre älter, weitgereist und hat eine beeindruckende Kenntnis von der Weltgeschichte und -Kultur. Und sein bisheriges Leben in Brasilien, Oklahoma, Stanford, D.C., Paris und Ithaca hat ihm zu einem großen Reservoir an Geschichten verholfen, aus dem er bei Abendessen wie heute gerne schöpft. Und ich erzähl dann meistens von Österreich, versuche die Geschichte und den Charakter Österreichs zu erklären, überschreite dabei oft die Grenze zwischen Wissen und Vermutung, was dann wiederum in stundenlange Internetrecherchen meinerseits mündet, nachdem dann die dining hall doch irgendwann zusperrt. So kommt es, dass ich hier schon viel über die Türkenbelagerung, über die Donaumonarchie und den Ausgleich, über den modernen "Nationsbegriff" Österreichs und erst heute über das Schicksal der Donauschwaben gelernt habe, wobei letzteres von meiner Familiengeschichte her natürlich besonders interessant ist.

Da hab ich etwa herausgefunden, dass eine beachtliche Zahl von Donauschwaben in den frühen Fünfzigern nach Brasilien, in Marios Heimat, ausgewandert sind. Dort leben sie gar nicht weit weg von dem Dorf Treze Tilias (Dreizehnlinden), wohin in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts viele Tiroler ausgewandert sind und dort jetzt in tiroler Häusern in tiroler Tracht tiroler Milch (Tirol Laticínios) produzieren. Der oben genannte Link ist mehr als einen Klick wert, sowas habt ihr noch nicht gesehen. Alternativ kann man auch einen schnellen Eindruck mit dem Wikipedia-Artikel gewinnen: Treze Tilias. Und wer hat gewusst, dass Brasilien das Land mit den drittmeisten deutschsprachigen Bewohnern weltweit ist? Zwölf Millionen, gleich hinter Deutschland und den USA.

Zum Schluss noch etwas zum Schmunzeln: Wenn man Mario googelt, findet man unter anderem einen sichtlich aus dem Englischen computerübersetzten Text, von dem ich euch einige Passagen präsentiere:

„Was wirklich erklärt, ist [...] Zugang zum guten Land und zum guten Wetter,“, sagte Mario Jales, älterer Forscher an ICONE, ein Sao-Paulo denken Behälter. [senior researcher at ICONE, a Sao Paulo think tank.]

Die Bush Leitung arbeitet jetzt mit Kongreß, um seine Bauernhofpolitik in Befolgung des WTO zu holen. Ja, Bush und Bauernhofpolitik, das ist ja eigentlich nichts Neues.

Brasilianergeschäftsbeamte sagten, daß sie erwogen, ähnliche Maßnahmen gegen USsojabohnenölbeihilfe zu ergreifen.

Und wer jetzt noch nicht genug hat, kann den ganzen Artikel hier lesen.

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