In meinen 3 Monaten, die ich hier bin, habe ich viele Unterschiede zwischen Amerika und Europa kennengelernt, große und kleine. Wie alle Austauschstudenten werd ich wohl in meinen ersten Wochen zurück in Wien eine Menge erzählen über die Eigenheiten der Amerikaner, was den Umgang miteinander, den Umgang mit Bildung, Natur, Essen, Sport, Freizeit, Sprachen, Reisen und und und angeht.
Mit einem fundamentalen Unterschied, der zwischen den USA und Europa - oder zumindest Österreich - besteht, hab ich mich aber noch nicht auseinandergesetzt: Die Vereinigten Staaten sind eine kriegführende, aktive Militärmacht, die in den letzten Jahrzehnten offensive Operationen auf der ganzen Welt durchführte und durchführt. Jeder weiß, der Irakkrieg ist nicht vorbei, auf so gut wie jedem Titelblatt der New York Times gibt es eine Story über die letzte Offensive, den letzten Rückschlag, das letzte Attentat, die jüngsten Opfer dieses schon fünf Jahre, gut ein Viertel meines Lebens, andauernden Krieges. Aber abgesehen von den Zeitungsmeldungen, die ich ja auch von zuhause kenne, berührt das mein Leben hier am Campus, hier in den USA? Nein, zumindest nicht bis gestern.
Eine Kollegin vom Wandern hat mich mitgenommen zu den Winter Soldier: Iraq & Afghanistan testimonies. Der Begriff Winter Soldier wurde zur Zeit des Vietnamkriegs geprägt, als eine Menge von Kriegsveteranen begann, öffentlich zu erzählen, welch Unmenschlichkeit und Grausamkeiten sie erlebt und selbst begangen hatten. Die Zeugnisse dieser Soldaten schockierten, und sie wurden ein essentieller Teil der von Veteranen getragenen Antikriegsbewegung.
Mehr als dreißig Jahre später sind es heute die Veteranen aus dem Afghanistan- und Irakkrieg, die ihre persönliche Geschichte von Grausamkeit und Ungerechtigkeit zu erzählen haben. Auf der Website von Iraq Veterans Against the War finden sich Videos von den Augenzeugenberichten dieser Männer und Frauen. Gestern Abend wurden, organisiert vom Campus Antiwar Network, einige der Videos gezeigt und es waren auch vier Veteranen vor Ort, die ihre eigene Geschichte erzählten. Ich möchte nicht zuviel über diese Berichte schreiben, wen diese interessieren, dem sei die oben genannte Website empfohlen. Aber ich möchte ein paar Punkte nennen, warum mich persönlich der Abend gestern so bewegt hat.
Das Bild eines Veteranen, das ich bisher in meinem Kopf hatte, ist das eines alten, dicken Mann, dem ein Ohr oder ein Unterschenkel fehlt, der zu viel trinkt und sich immer aufs neue in den alten Geschichten von seinen abenteuerlichen und auch schrecklichen Erlebnissen verliert. Und gestern saßen mir da junge Männer gegenüber, sie sind etwa gleich alt wie ich, kleiden sich wie die anderen Burschen am Campus, verwenden die gleichen Redewendungen wie meine amerikanischen Klassenkollegen. Und diese Männer, die meine Brüder sein könnten, erzählen von ihrer Zeit im Krieg, davon wie sie Zivilisten getötet haben, wie sie schikaniert haben und schikaniert wurden, wie sie ein Alkoholproblem entwickelt haben und unter einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden.
Sie machen einem klar, dass das, was von Abu Ghraib und anderen Skandalen im Irak an die Öffentlichkeit gelangt ist, nur die Spitze des Eisbergs ist; dass Unmenschlichkeit, Willkür und Hochmut das tägliche Leben der Besatzungssoldaten beherrschen. Natürlich, niemand ist so naiv zu glauben, Krieg könne etwas Sauberes und Korrektes sein. Aber dass diese Verachtung der Menschenwürde und -rechte nicht Folge der schwierigen Umstände, sondern Teil einer, wenn auch inoffiziellen, so doch durch die Hierarchie anerkannten und eingeforderten Agenda sind! Dass die Soldaten vor ihrem Einsatz lange Vorträge über die Genfer Konvention hören und dann, sobald sie das Land des Feindes betreten, diese Konventionen vom gesamten militärischen Apparat von oben bis unten je nach Bedarf einfach ignoriert werden!
Für mich hochinteressant war auch die Reaktion der freilich großteils amerikanischen Hörerschaft gestern Abend auf die Zeugnisse. Den Soldaten wurde von ganzem Herzen applaudiert, sie erhielten standing ovations, einmal applaudierte man sogar einer Videoaufzeichung. Meinem Eindruck nach ist sich ganz Amerika bewusst, dass der Irakkrieg eine Sackgasse ohne Gewinner ist. Und ich habe das Gefühl, dass sich die Leute danach sehnen, dass jemand so authentisch und legitim wie diese Veteranen dieses common sentiment in konkrete Worte fasst. Den am meisten überzeugten und sentimentalsten Beifall erhielt einer der anwesenden Veteranen, als er formulierte, dass die Amerikaner in ihrem Wesen und Mitgefühl dem irakischen Volk näher stünden als den wenigen Leuten und in den USA, die aus Eigensinn und Profitgier diesen Krieg gestiftet und prolongiert haben. Nicht zuletzt die schlechte Wirtschaftlage, die hier den Mittel- und Kleinbürger von nebenan (Stichwort homeowners) trifft, stellt eine persönlichen Betroffenheit her, wenn immer wieder vorgerechnet wird, wieviel Geld jeder Tag Krieg im Irak verschlingt.
Doch so etwas wie Aufbruchstimmung entsteht nicht. Ein Veteran meinte, man dürfe nicht hoffen, dass ein neuer Präsident aus den Reihen der Demokraten eine Kehrtwendung durchziehen werde. Auf die Frage ob ein sofortiger Truppenabzug nicht alles nur schlimmer machen würde, haben die Veteranen zwar eine überzeugende Antwort, aber Lösungen hat man nicht.
Viele im Publikum fragten, wie man die derzeitige Apathie in Amerika brechen könnte, und warum gibt es keine lebendige Friedensbewegung wie früher?
Am Ende kann der Winter Soldier die Apathie nicht durchdringen. Seine Geschichte muss erzählt werden. Er erzählt sie, um zu bewegen, doch sein Zeugnis wirkt mehr wie eine Kapitulation. Aber was kann er sonst tun?
Cornell Daily Sun Artikel zum selben Thema vom 14. März 2008
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