Und an einem Super Duper Fat Tuesday Evening gibt es natürlich nur eines: Party! Geplant war sie zwar keineswegs, genossen dafür umso mehr, die private Wahl-TV-Party in einem Haus in Collegetown zu der mich Noortje mitgenommen hat. Noortje selbst wurde von ihrem Hausmitbewohner Josh mitgenommen, der mit Lizzie, bei der die Party war, befreundet ist. Mein Cornell network hat sich hier wieder einmal sichtbar erweitert. Ohne zu wissen, was ich mir unter einer Wahlparty vorstellen soll - für ein paar Sekunden kamen in mir Bilder von österreichischen Bierzeltwahlpartys in Tracht hoch - ging ich erst mit Marija und Noortje ins Chapterhouse, einem leicht irisch angehauchten Pub, wo Fidel, Mandoline und Quetschn gespielt wurden und später eben in jenes Party-Haus. Für meine Sangria hatte ich erst die Wahl zwischen einem blauen und einem roten Becher, entschied mich dann aber als Ausländerin doch für die politisch neutrale, durchsichtige Variante. Ein paar Leute hatten Sticker mit Obama oder Hillary Aufschriften auf der Brust; abgesehen davon war aber der Party keinerlei politischer Charakter anzumerken.
Erst später bin ich dann ins Wohnzimmer gegangen, wo CNN lief und laufend Ergebnisse der einzelnen Staaten bekannt gegeben und kommentiert wurden. Am Couchtisch lag eine großer Karton, auf dem die bereits bekannten Sieger in den einzelnen Staaten eingetragen wurden. Ich habe jede Menge Prozentanteile, Delegiertenanzahlen und Siegesankündigungen gesehen, habe aber ehrlich gesagt keine Ahnung, wer eigentlich gerade am Gewinnen ist. Das werde ich wohl erst dann herausfinden, wenn ich morgen einen minimalistischen und lobenswert lesbaren orf.at Artikel darüber lese. Es hatte aber auf der Party und auch im Fernsehstudio niemand so richtig den Überblick, was es bedeutet, wenn dieser Kandidat diesen und jener Kandidat jenen Staat für sich gewinnen kann.
Dafür hab ich einige wirklich sehr sympathische Amerikaner kennengelernt. Diejenigen, mit denen ich mich länger und gut unterhalten hab, waren zufälligerweise(?) alle eine Zeit lang in Europa, für ein Auslandssemester oder für ein Praktikum; noch dazu zeigten sie ein gewisses politisches Interesse, konnten mir einige Dinge erklären, die ich noch nicht gewusst hab und
erwiesen sich allgemein als muntere und lustige Gesprächspartner.
Aufgefallen ist mir, dass sich zwar viele Leute dazu bekennen, wen sie wählen[1], niemand jedoch irgendein scharfes Wort gegen einen Konkurrenten in den Mund nimmt. Die komplette Abwesenheit von bekennenden Reps (Republikanern) mag hier vielleicht beigetragen haben, doch auch wenn über die republikanischen Kandidaten geredet wird, bleibt man stets, wenn auch nur oberflächlich, sachlich - so etwas wie Beschimpfungen von Kandidaten hab ich noch nicht erlebt.
Sachthemen werden meist schnell nach einem einfachen Schema abgehandelt: Kandidaten werden danach eingeordnet, ob sie 1. für Stammzellenforschung sind, 2. Abtreibung verbieten wollen und 3. den Irak Krieg befürworten (oder eher eigentlich, ob sie ihn damals vor vielen Jahren befürwortet haben). Das erweiterte Beurteilungsschema für politische Konversationen enthält noch die Frage nach Steuerkürzungen, es wird aber nur selten angewandt. Allgemein gesprochen scheint hier das meiste Gewicht von der Persönlichkeit und der Ausstrahlung der Kandidaten auszugehen.
Josh bestätigte mir, dass heuer so viele Studenten wie noch nie wählen gehen, er musste vor der Kabine Schlange stehen. Trotzdem scheint es viele Leute zu geben, die den Aufwand der nötigen Registrierung für die primaries nicht auf sich nehmen wollen.
Fazit: Ich habe einen Abend lang primaries geschaut und weiß nicht, wie sie ausgegangen sind. Dafür hab ich ein Stückchen moderater und auch sympathischer amerikanischer Politkultur kennengelernt.
[1] oder wählen würden, denn viele Studenten kommen aus anderen Staaten, welche ihre primaries wannanders abhalten.
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