Samstag, 9. Februar 2008

Research

Vor mittlerweile einem Dreivierteljahr, Anfang Mai des letzten Jahres, war ich gerade mitten im Bewerbungsprozess für mein Auslandssemester war. Vollkommen überfordert von den vielen leeren Formularen, die bereits zu diesem frühen Zeitpunkt eine Angabe forderten, was für Kurse ich denn in den USA machen will, wandte ich mich damals an Matthias, einen anderen Studenten der BOKU, der zu dieser Zeit gerade ein exchange semester an der University of Georgia machte, für dich mich ursprünglich beworben hatte. Er beruhigte mich schnell, meine definitive Kursauswahl müsse ich ohnehin erst vor Ort treffen, es ist also egal, was ich in meine erste Bewerbung schreibe. Er erzählte mir auch gleich von ein paar seiner Kurse, schwärmte von seinem Laborkurs und riet mir stark, entweder auch einen Laborkurs oder - noch besser - ein Forschungspraktikum zu machen. Ein Praktikum? In einer Forschungsgruppe meiner Gastuniversität? Wo ich keine einzige Person kenne, wo ich nicht weiß, woran eigentlich geforscht wird? Wo ein Vorstellungsgespräch ein halbes Jahr im Voraus (um dann zwei Monate später darauf vielleicht eine schriftliche Verständigung zu bekommen, dass ich mitarbeiten darf) wegen geographischer Schwierigkeiten in der Größenordnung von 6800 km eher unrealistisch ist? Mag ja nett sein, so ein Forschungspraktikum, aber ist vielleicht doch ein bisschen umständlich von Wien aus zu organisieren. Ich werde wohl eher bei Vorlesungen und vielleicht einem Laborkurs bleiben.

Dienstag, 15. Jänner 2008, mein zweiter Tag am Campus: Ich statte Tamara Durham, die meine Bewerbung von amerikanischer Seite aus betreut hat, einen Besuch in der registrar's office (~ Studiendekanat) des CALS ab. Sie zeigt mir im Laufe unseres Gesprächs einen Zettelhalter, in dem ganz links oben ein Stapel von rosa Formularen steckt: Ein Antragsformular für ein individual study oder undergrad research. Ich frage, ob das so etwas wie ein inneruniversitäres Forschungspraktikum sei? -Jaja, wenn du einen Professor findest, bei dem zu arbeiten kannst, dann brauchst du dieses Formular, um credits dafür zu bekommen. Aha. Wenn ich also einen Professor finde, einen von den 2000 Professoren hier (Schätzwert), der nur darauf gewartet hat, dass ich bei ihm ins Büro spaziere und verkünde, dass ich ab morgen bei ihm arbeiten will und werde. Bestimmt.[1] Schön, dieses rosa Formular, denk ich mir, und bin froh, dass ich meine 12 credits von den Vorlesungen beisammenhabe.

Freitag, 18. Jänner 2008, drei Tage später: Ich treffe meinen faculty advisor Prof. Walter, Vorsitzender des BEE department (Biological and Environmental Engineering), um meine Kursauswahl mit ihm zu besprechen. Unser Gespräch wendet sich irgendwann zum Thema Forschung auf der CU hin, und ich lasse die Frage fallen, was man sich denn jetzt eigentlich vorstellen kann unter dem Begriff undergrad research.
Er erklärt es mir, nimmt mich einen Stock höher mit, stellt mir Prof. John March in dessen Büro vor, jener fragt mich, ob ich Interesse an Mitarbeit in seiner Gruppe habe, ich sage möglicherweise, er fragt mich ob ich schon mal kloniert hab, ich sage ja, ein bisschen; er sagt er hat einen Job für mich, ich sage wow, er fragt, wann ich anfangen will.
Ein paar Tage später trage ich ein komplett ausgefülltes rosa Formular zum registrar, zwei Stunden später sehe ich online, dass ich nun für 16 statt 12 credits angemeldet bin.

Ich mache jetzt also undergrad research, bin in der Forschungsgruppe des assistant professor John March und verbringe meine freien Nachmittag also nunmehr im Labor. Ich hab dabei mein eigenes kleines Projekt, das in eine Publikation der Gruppe einfließen wird, betreut werde ich dabei direkt von meinem supervisor (= Mr. March). In der Publikation geht es um ein neues Diabetes-Medikament, das in tierischer Zellkultur getestet wird und meine Aufgabe - ganz grob erklärt - ist es, die Zellen so zu verändern, dass sie das Medikament nicht sofort abbauen. Das involviert für mich einige molekularbiologische Techniken, mit denen ich noch fast nicht oder gar nicht zu tun gehabt habe. Dadurch wird die Arbeit einerseits sehr spannend aber andererseits hab ich auch echt Respekt davor.
Ich bekomme wie gesagt 4 credits dafür, angeblich ist das einem wöchentlichen Arbeitsaufwand von 14 Stunden äquivalent. Ich werde aber in keiner Weise fixe Arbeitszeiten im Labor haben, sondern kommen und gehen, wann es die Arbeit erfordert und wie ich es mir richten kann. Ich habe schon Schlüssel zum Laborgebäude bekommen und kann da jetzt 24/7 hinein. Meine einzige definierte Verpflichtung liegt darin, regelmäßig meinem Betreuer zu berichten und mich mit ihm abzusprechen.
Ich arbeite zwar jetzt schon seit zwei Wochen an meinem Projekt, allerdings war ich bis jetzt nur mit dem experimental design beschäftigt, was bedeutet, dass ich sehr viel am Computer gesessen bin, mich durch verschiedenste Datenbanken gegraben hab und auch versucht habe, brauchbare Literatur zur Methodik zu finden.

Morgen Montag werde ich dann voraussichtlich das erste Mal den weißen Mantel anziehen und mit den ersten Vorexperimenten anfangen. Ich habe noch keinerlei Vorstellung davon, wie das alles gehen soll- ja zur Zeit ist der research an sich noch ein einziges kaltes Swimmingpool für mich, in das ich mich jeden Tag aufs neue stürze. Doch egal, was ergebnis- und lerntechnisch dabei herausschaut: Ich bin glücklich, so unkompliziert zu dieser Möglichkeit gekommen zu sein. Und meine Hauptmotivation, diese Forschungsarbeit zu machen ist die, dass ich wissen will, wie's denn so läuft, in der gepriesenen amerikanischen Forschung. Wie in einem Labor, das sich im Vergleich zu österreichischen Unilabors nicht ums Geld sorgen braucht, gearbeitet wird, und ob das ein Art von Arbeit ist, die mich nachhaltig interessiert. Und diese Fragen werde ich wohl, unabhängig von meinem "publikablen" Erfolg, Ende Mai beantworten können!

Die 4 zusätzlichen credits erlauben mir auch, falls mir die gesamte Arbeit des Studierens hier zu viel wird, noch einen meiner vier Kurse innerhalb der nächsten 4 Wochen zu droppen, ohne dabei unter die 12 credits-Grenze zu fallen. In der letzten Woche wurde die Arbeit für meine Kurse noch mal mehr und da beruhigt mich das Wissen, dass ich allenfalls noch einmal die Gelegenheit habe, zu kürzen.

[1] Ist das ein österreichisches Denkmuster? Oder ein kontinentaleuropäisches? Oder bin das nur ich?

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