Montag, 28. Jänner 2008

Science, Humanities und kaltes Wasser

Ich bin mittlerweile seit zwei ganzen Wochen hier und habe mich gut eingelebt. Letzten Montag fingen die Vorlesungen an, mittlerweile habe ich meinen Stundenplan beisammen:

Das Gute daran: Meine Vorlesungen sind gut verteilt, halbwegs kompakt und sie erstrecken sich ausschließlich auf die Vormittage!
Das Schlechte daran: Nichts! Einzig und allein am Montag schon um 8:40h anzufangen stellt vielleicht einen kleinen Schönheitsfehler dar.

Die Vorlesungen gefallen mir gut bis sehr gut, das Niveau stimmt - mit Ausnahme vielleicht von meinem Zellbiologiekurs, der sehr viel Bekanntes wiederholt- doch die zellbiologischen Grundlagen kann man gar nicht oft genug hören. Die Vortragenden sind ihrem Charakter nach ganz unterschiedlich, sie präsentieren sich allerdings durch die Bank als sehr studentenorientiert. In der ersten Einheit legt jeder Professor einen syllabus vor. Dieser enthält das Lehrziel des Kurses, einen genauen Plan, an welchem Tag welcher Inhalt vorgetragen wird und eine exakte Aufschlüsselung, wie die Beurteilung erfolgt.
Für "Survey of Cell Biology" sieht das beispielsweise so aus:

two prelim exams = each 23%
final exam = 24%
two essays = 10%
six biweekly quizzes total 10% of course grade (best five of six will count)

Ein Notenschlüssel wie dieser und der zeitgebundene Lehrplan zeigen, in welchem Ausmaß hier auf klare Struktur Wert gelegt wird. Ähnlich genau nimmt man es mit den Kurszeiten. Um Punkt 08.40h wird der Vortrag gestartet, um 09.55h wird die letzte Folie vorgetragen. Im syllabus meines RNA-Kurses steht, dass die Studierenden eine Präsentation mit der Länge von 17 Minuten halten sollen, darauf folgen 3 Minuten Diskussion. Timing dürfte hier zu den Kernkompetenzen zählen, mal sehen wie ich damit zurechtkomme. Das offensichtliche Rezept der Professoren, mit dem engen Zeitrahmen umzugehen, liegt darin, bei Bedarf die letzten zehn Minuten das Vortragstempo zu verdoppeln. In wie weit das didaktisch sinnvoll ist, bleibt dahingestellt.
Ein leicht nachvollziehbarer Grund für das sorgsame Budgetieren der Vorlesungszeit besteht darin, dass viele Vorlesungseinheiten nur 50 Minuten dauern. Wer hier nicht von Anfang dabei ist, hat den Vortrag so gut wie verpasst. Die 50 Minuten-Vorlesungen, leider gehört nur eine meiner vier zu dieser Art, erweisen sich als wunderbare Substrate für die eigene Konzentrationsfähigkeit. Sowohl in Wien, wo alle Vorlesungen 90 Minuten dauern als auch in meinen hiesigen 75-minütigen lectures merke ich, wie nach etwa 50 Minuten mein Blick auf die Uhr fällt und ich stöhne, dass die eigene Aufmerksamkeit noch so lange durchhalten soll. Die 50 Minuten Dauer sind auch mit ein Grund, warum mir meine "Cell Proliferation & Senescence"-Vorlesung so gut gefällt.

Ich habe mir in der letzten Woche zwei weitere Kurse angesehen, die mich dem Namen nach interessiert haben: "Biotechnology and Development" und "The Art of Teaching". Beide hab ich aber sofort wieder aus meinem Plan gestrichen. Keineswegs allerdings, weil sie uninteressant gewesen wären- im Gegenteil. "Biotechnology and Development" entpuppte sich als ein intimes (5 Studenten, 2 Professoren) Seminar, das den Studenten viel eigene Forschungsarbeit abverlangt - und zwar politikwissenschaftliche, soziologische Literaturarbeiten. So groß meine Lust am Neuen doch war, das war mir doch etwas zu weit von meiner science-Heimat[1] entfernt; mich in die Methodik von Geistes- und Sozialwissenschaften einzuarbeiten, das heb ich mir für ein anderes Mal auf...
Ähnlich ging's mir bei dem "Art of Teaching"-Kurs. Hier besteht der Hauptanteil der Arbeit aus fieldwork: Die Teilnehmer - die keineswegs Lehramtsstudenten in unserem Sinne des Wortes sind - werden dabei einer öffentlichen Einrichtung zugeweisen: einer Schule, einem Kindergarten, einem Jugendgefängnis, wo sie acht Wochen lang zwei Stunden pro Woche arbeiten und dann im Kurs darüber reflektieren. Eine Aufgabe, von deren Wert und Sinnhaftigkeit ich in jeder Hinsicht absolut überzeugt bin. Doch die Entschlusskraft, in meiner Position gleich in derart kaltes Wasser zu springen, brachte ich dann doch nicht auf.

Ich verbleibe nach dieser ersten Woche fasziniert, welche Möglichkeiten ich hier habe (in beide angesprochenen Kurse wäre ich problemlos hineingekommen), welche intensiven und für mich ungewöhnlichen Lehrmethoden hier an der Tagesordnung stehen und wie engagiert die Lehrer sind. Gleichzeitig verbleibe ich frustriert, eben nicht alles machen zu können, mich für manches einfach nicht reif zu fühlen und mich damit abfinden zu müssen, dass ich mir genau diese Möglichkeit nehme.

Ich merke, wie wohl, sicher und vertraut sich da meine vier science Kurse anfühlen. Vor allem amerikanische Studenten staunen und fragen, warum ich's mir antu, nur science Kurse zu nehmen, doch für mich ist es wirklich das einfachste.
Ich stelle fest, dass die moderne Naturwissenschaft einen internationalen Charakter hat, dass ein paper, das ich zuhause lese, genau gleich funktioniert, wie ein paper, das ich hier lese, das die Begriffe die gleichen sind und der Kontext universell ist. Die humanities[1] hingegen, zu denen ich jetzt auch meinen teaching-Kurs zähle, scheinen stark durch gesellschaftlichen Hintergrund geprägt und nicht zuletzt auch stärker an eine bestimmte Sprachverwendung, eben eine nicht-internationale, gebunden. Ich merke erstmals in meinem Leben, dass dies eine Kompetenz erfordert, die erworben werden will und die sich nicht durch eine solide AHS-Grundbildung und etwas Hausverstand herzaubern lässt.

Um meine Sehnsucht nach dem "kalten Wasser" brauche ich mir allerdings keine Sorgen zu machen - denn mein kaltes Wasser hat schon einen Namen: undergrad research. Mehr dazu aber in einem der nächsten Artikel.

Am Schluss noch ein kleines Dankeschön an alle meine Leser, die auch so einen langen Eintrag bis zum Ende lesen! You keep me goin'!

[1] Meinem Eindruck nach bezeichnet das englische Wort science fast ausschließlich Naturwissenschaften. Für das deutsche Wort "Geisteswissenschaft" habe ich im Wörterbuch hingegen humanities gefunden. So ist etwa in den FAQ der Undergrad Research website folgende Frage zu finden: "I'm not a scientist or an engineer. Can I still do research?" - Ich möchte nicht wissen, was für einen Aufstand die Gemeinschaft der österreichischen Geistes- und Sozialwissenschaften (also genau jener Fächer, die mein Vater gerne unter dem Begriff "-istik Studien" subsumiert) machen würde, wenn ihnen auf diese Art und Weise der Status der Wissenschaft(lichkeit) aberkannt würde... Hier scheint's jedenfalls kein Problem zu sein, im Gegenteil: siehe die Fußnote zu einem meiner letzten Artikel.

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