Mittwoch, 30. Jänner 2008

Socializing

Ihr wisst, welche Kurse ich mache, ihr wisst, wo ich wohne, ihr wisst, was ich esse, ihr wisst, wie das Wetter in Ithaca ist. Eines ist in meinen bisherigen Ausführungen aber zu kurz gekommen: Mit wem sitze ich in den Kursen, wer wohnt bei mir im Haus, mit wem gehe ich mittagessen, wer flucht mit mir über den eiskalten Wind? Kurz gefragt: What about socializing?

Das online-Wörterbuch dict.leo.org übersetzt socializing mit "Knüpfen von Kontakten"; bei dict.cc liest man, noch holpriger, "sozialisierend, vergesellschaftend". Dass sich socializing einer flüssigen deutschen Übersetzung verweigert, zeigt, dass es sich um ein amerikanisches Phänomen handelt. Hier weiß man, wie wichtig eine solide Integration in das Leben einer (Campus-)Gemeinschaft ist. Cornell-Neulinge wie ich erlangen während der orientation die erste Gelegenheit, Kontakte zu knüpfen, doch diese ist bei weitem nicht die letzte. Ohne einen Finger zu rühren, erhielt ich in den letzten Tagen via mail Einladungen: zu einer Welcome Reception für exchange students am College of Agriculture and Life Science (CALS), zu einer Welcome Reception ins Apartment unserer Hausprofessorin Cindy Hazan und zuletzt gestern zu einer social hour im Apartment meines GRFs für alte und neue Studenten, die in meinem Geschoß wohnen. Ich bin allen Einladungen gefolgt und habe eine Vielzahl von Leuten kennengelernt.

Ich stelle fest, dass die Universitätsleitung es nicht dem Zufall überlässt, ob neue Leute Anschluss finden. Es macht auch Sinn: Eine Universität, die ihren Studenten (und wohl auch ihren Professoren) derart viel Arbeit abverlangt, muss aufpassen, dass ihre Individuen nicht in der Arbeit ersticken und sich zu einseitig auf den akademischen Erfolg konzentrieren; dass die Studenten das Leben in der Gesellschaft "da draußen" außerhalb der Uni nicht verlernen, dass sie nicht vereinsamen. So schräg es klingen mag, meine Eindrücke bestätigen, dass diese Gefahr nicht erfunden ist. Die Strategie der Unimacher, oder besser gesagt einfach die gewachsene Kultur dieser Institution scheint einer Regel zu folgen:

Universität + Sozialleben = Campus

Diese Gleichung gilt für den Campus als Ganzen, macht ihn zu dem, was er ist; und für einen bestimmten Teil des Campus ganz besonders: den West Campus, auf dem ich wohne. Letztens habe ich auf der Cornell website ein Videostatement von Susan Murphy, unserem Vice President for Student and Academic Services[1] entdeckt. In dem - durchaus sehenswerten - Video erklärt sie, warum das System der drei West Campus Häuser[2] das Konzept eines Studentenheims neu erfindet: Seite an Seite mit den Studenten lebt in jedem der Häusern ein Professor, auf jeder Etage lebt ein Doktoratsstudent (graduate resident fellow, GRF), meiner mit Namen Nick sogar gemeinsam mit seiner Frau Megan. Die GRFs, die verschiedene Studienrichtungen haben, bieten hauseigene Tutorien an, helfen bei allerlei Fragen und organisieren viele Freizeitangebote: Kino, Museum, Sport, Fernsehen, Diskussionen und mehr. Cindy Hazan, Professorin und Dekan meines Hause, sicherte uns bei dem Empfang in ihrer Wohnung jede Hilfe zu. Die Leute weisen ausdrücklich und mehrmals darauf hin, dass sie für uns da sind, wenn wir etwas brauchen. Alle paar Wochen besucht ein besonderer Gast das Haus, morgen zum Beispiel kommt die Künstlerin Jane Hammond ins Becker House, sie wird mit den house residents abendessen und dabei über ihre Arbeit erzählen. 2006 wohnte einmal John Cleese in der Becker guest visitor suite. All das soll, so Susan Murphy, ein Gefühl von familiarity (auch im Sinne von Familie) aufkommen lassen.
Abseits von der "Hausfamilie" können die Studenten hier zahlreiche community centers und 848 Studentenorganisationen nützen, um Gleichgesinnte, Kollegen und Freunde zu finden.

Soviel zum Konzept des organisierten socializings.[3] Bemerkenswert und mir äußerst sympathisch an diesem Konzept ist, dass Cornellians in keiner Weise zu ihrem Glück gezwungen werden. Die Teilnahme an allem ist freiwillig, niemand schaut böse, wenn man nicht kommt, gleichzeitig wird es einem so leicht wie nur möglich gemacht, ins socializing einzusteigen.
Heißt das jetzt aber, dass ich mit meiner Professorin frühstücke, mit meinem GRF zu Mittag esse, und mit John Cleese das Bad teile?

Nein. Meine tatsächliche Freizeit und meinen Alltag verbringe ich hauptsächlich mit den Leuten, die ich als erste kennengelernt habe und deren Situation der meinigen am ähnlichsten ist: Mit anderen exchange students. Da ist natürlich Marija von zuhause, Albert und Kinsha aus Australien, Will aus Neuseeland, die Holländerinnen Noortje, Emmy, Marlies und Nanine, und ein paar andere. Mit diesen Leuten verbindet mich auch, dass wir am gleichen College studieren und teilweise gemeinsame Kurse belegen. Marija, Albert und Kinsha besuchen je eine Vorlesung mit mir, nur eine Vorlesung mache ich "allein". Albert, Kinsha und Will wohnen im gleichen Haus wie ich, dazu kommen noch ein paar amerikanische Studenten im Becker House wie Nina, Meredith oder Kevin. Die treffe ich fast immer bei Mittag- und Abendessen. Bei house activities oder auch beim Wäschewaschen machen wir ebenfalls gemeinsame Sache.
Der Campus ähnelt in Größe und Studenten- oder Einwohnerzahl einer österreichischen Kleinstadt. Mit einer Kleinstadt vergleichbar ist daher auch die Häufigkeit, dass man zur rush hour, wie etwa mittags, einem bekannten Gesicht über den Weg läuft und gemeinsam in einer Cafeteria landet.
Am Wochenende hat sich bis jetzt noch immer eine Party am Campus (allerdings nicht von der Universität organisiert) oder in einem Fraternity House, kurz frat gefunden. Die Restaurants, Cafés, Bars und Pubs in Collegetown und Downtown Ithaca haben sich auch schon als tolle Plätze erwiesen.

Dass ich meistens, wenn ich aus meinem Zimmer gehe, innerhalb von wenigen Minuten zufällig jemanden treffe, und ja mich richtig darauf verlassen kann, dass meine buddies da sind, wenn ich um sieben am Abend in meine dining hall gehe, ist sicher ein ganz wesentlicher Grund dafür, dass ich mich hier so wohlfühle. Congratulations, Cornell, socialization accomplished.


[1] Cornells "Prof. Staudacher"
[2] Alice Cook House, Carl Becker House, Hans Bethe House, zwei weitere Häuser werden gerade errichtet.
[3] Über die Zusammenhalt fördernde Wirkung von einerseits Uni-Merchandising und andererseits einer ausgeprägten Sport- und Mannschaftskultur zu schreiben, würde wirklich den Rahmen sprengen. Dass diese Dinge von Relevanz sind, bin ich überzeugt. Anmerkung am Rande: Ich besitze mittlerweile ein Cornell-Ausweisetui, einen Cornell-Schlüsselanhänger und eine Cornell-Wasserflasche.

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